„Komm, Lina, spring!“, ruft Josephine Weichert mit freundlicher Stimme der Drittklässlerin zu. Nicht fordernd, nicht laut, nicht streng. Dafür ermutigend und geduldig. „Komm, du schaffst das! Komm zu mir ins Wasser, ich bin bei dir“, setzt die 22-jährige Rettungsschwimmerin ruhig, aber bestimmt nach. Das zögernde Mädchen gehört zur Klasse 3d der Gerhart-Hauptmann-Grundschule Grünheide, die den für diesen Jahrgang obligatorischen Schwimmunterricht im Rahmen eines Wochen-Camps im Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum Kienbaum absolviert. Und tatsächlich dauert es gar nicht so lange, bis sich Lina überwunden hat und ins Becken hopst. Ein bisschen Hundepaddeln, schon ist sie in sicherer Position und macht zwar noch unsichere, aber regelmäßige Züge im Brustschwimmen. Josephine Weichert begleitet sie, kann notfalls den Badeanzug greifen, gibt ihr mit einfühlsamer Stimme Sicherheit und spart vor allem nicht mit Lob. Noch steht Lina am Anfang ihrer Schwimmausbildung, aber da sie mit Spaß bei der Sache ist, sollte es für sie nach fünf Tagen am Ende des Camps für das Seepferdchen oder gar für das Bronze-Schwimmabzeichen reichen.

Die Grundschule geht mit dem Schwimmlager völlig neue Wege. Bisher ging es für die Drittklässler ein Schulhalbjahr lang jeweils einmal in der Woche zum Unterricht ins „Schwapp“ nach Fürstenwalde. Vieles sprach dafür, zu der kompakten Variante zu setzen. Sie versprach mehr Effektivität und bescherte dem Jahrgang eine thematische Klassenfahrt.
Üben in Gruppen – je nach Leistungsstand
Als Partner wurde neben dem Trainingszentrum die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft Hennickendorf gewonnen. Vier Rettungsschwimmer sichern gemeinsam mit Horterzieherin Regina Bürger, die ebenfalls Rettungsschwimmerin ist, den Unterricht ab. So konnte, je nach Stand des Könnens der Kinder, in Gruppen geübt werden.

Heiko Wehrmann hat mit seinen Töchtern Antonia (18) und Vivien (21) sowie Josephine Weichert (22) die Ausbildung übernommen. „Wir sind alle Ehrenamtler, machen das in unserer Freizeit“, betont er. Die DLRGler begrüßen das Projekt der Grünheider, da sie eine höhere Erfolgsquote beim Schwimmenlernen erwarten. Und: „Wir haben hier so viele Seen, da ist das wichtig.“

Beim Camp – zwei Durchgänge von je einer Schulwoche mit jeweils zwei Klassen – ging es jeweils am Anreisetag, dem Montag, nachmittags das erste Mal für eineinhalb Stunden ins 25-Meter-Becken. Es folgten Dienstag bis Donnerstag je zwei weitere Einheiten und abschließend die Prüfung. Beim ersten Durchgang haben lediglich zwei Kinder das Seepferdchen nicht geschafft. Vier durften sich über das Bronze-Abzeichen freuen, acht über Silber und zwei sogar über Gold. „Das Ergebnis war wirklich sehr erfreulich“, sagt Heiko Wehrmann. Bei den beiden, die leider ohne Abschluss nach Hause gefahren sind, war ein bisschen der Wurm drin. Einmal klappte es mit dem Schwimmen und Springen, nur nicht mit dem Tauchen. Und bei Nummer zwei fehlte es am durchgängigen Schwimmen. Aber sie waren kurz davor und können da sicher noch nachlegen.
Bowling und Disco im Wochen-Plan
Neben dem Unterricht – der primäre Anlass des Camps – kamen aber auch Spiel und Spaß nicht zu kurz. Jede Schwimmeinheit endete mit einer Spielzeit. Ob Wasserball, Wasserrutsche, „Arschbombe“ machen oder Ringe tauchen, all das war für die Kinder immer ein Highlight in der Halle. Darüber hinaus standen Bowling und eine Disco auf dem Wochenplan. Für die 3d war letztere ganz besonders. Denn Mitschüler Josha feierte seinen neunten Geburtstag. Weil sein Papa DJ ist, hatte er das Equipment vorbeigebracht. Und weil Josha selbst schon gern an den Reglern steht, durfte er – wie schon beim Fasching – seiner Passion folgen.

Befragt, wie es denn so ist im Trainingscamp, kommt Klassenkamerad Ole glatt ins Schwärmen. „Es sind so viele Olympiasportler hier!“ Und die seien alle so nett. Angesprochen hatten sie schon den einen oder anderen, sich eine Unterschrift zu holen, aber noch nicht getraut. Es waren zeitgleich Leichtathleten auf dem Gelände, die Nationalmannschaft der Nachwuchs-Turner, das U-20-Basketball-Nationalteam der Frauen, die Volleyball-Nationalmannschaft der Männer sowie das Nationalteam der Rhythmischen Sportgymnastik. Die Athleten werden ihrerseits nicht schlecht gestaunt haben, wer da mit Fahrrad und Roller zwischen Kienbaum 1 und 2 hin- und herpendelt, beim Essen am Nachbartisch sitzt. Die Bewunderung der Kinder war ihnen aber gewiss.
Durchweg positive Bilanz
Lehrerin Isabel Korb und Horterzieherin Nicole Haase ziehen nach dem ersten Schwimm-Camp eine durchweg positive Bilanz. „Die Kinder waren wirklich super, wir hatten niemanden mit Heimweh und alle haben die Tage in Kienbaum wirklich genossen. Wir haben es ihnen angemerkt, dass es für sie durchaus etwas sehr Besonderes war.“
Rettungsschwimmer mit „Engelsgeduld“
Nach dem Camp gibt Schulleiterin Sabine Wilde-Balzer ein kurzes Feedback zur Premiere: „Es war anstrengend, aber erfolgreich!“ Von 99 Kindern sind 12, also drei pro Klasse, ohne Schwimmpass, jedoch mit einer der Niveaustufen „Wassergewöhnung“/„Grundfertigkeiten“ oder Basisstufe wieder nach Hause gefahren. „17 haben das Seepferdchen geschafft, 34 das Schwimmabzeichen in Bronze, 28 in Silber und 7 sogar in Gold.“ Es sei bei den anfangs zögerlichen Kindern zu beobachten gewesen, wie aus Angst Motivation und schließlich Stolz und Erfolg wurde. „Eine wunderbare Erfahrung.“ An der hatten die Lehrkräfte und das Erzieherteam, die Kinderkoordinatorin und natürlich die DLRG einen riesengroßen Anteil. „Ihnen gilt mein höchster Respekt“, sagt Sabine Wilde-Balzer. Sie lobt die Methodenvielfalt, das individuelle Üben und die „Engelsgeduld“ der Schwimmlehrkräfte, die auch von allen Betreuern so wahrgenommen wurde. Jetzt folge noch die Evaluation mit allen Beteiligten, einschließlich des Schulträgers. „Ich denke, es war wirklich ein Erfolg und es lohnt sich eine Wiederholung, in welcher Form auch immer.“ (Anke Beißer)


