Für die einen ist es Alltag, für andere wie ein Weckruf: das Erleben am Bahnsteig, wenn ein Zug vorbeisaust. Erst ist er immer lauter zu hören, dann kommen Vibrationen hinzu, deren Höhepunkt eine Druckwelle erzeugt, die einmal durch den ganzen Körper fährt. Dann verblasst der, ebenso das Getöne. In Windeseile zieht wieder Ruhe ein. Bis zur nächsten Durchfahrt.
Zwischen Gewöhnung und Aufschrecken
In den zurückliegenden zwei Wochen haben die Künstlerinnen, die für die Sommerwerkstatt des Vereins Endmoräne den historischen Bahnhof Hangelsberg in Besitz genommen haben, unzählige Male genau diese Situation durchlebt. Vielleicht hat sich bei mancher von ihnen mit der Zeit eine gewisse Gewöhnung eingestellt. Oder aber das Vorbeirasen des Zuges ließ sie immer wieder aufschrecken und kurz aus ihrer Arbeit reißen, in einen kurzen Stillstand verfallen. Egal wie, dieser taktlose Takt gab der Szenerie, dem Schaffensprozess ein besonderes, ein herausforderndes Etwas.

Um die Umstände wissend, hat der Verein Endmoräne bewusst diesen Ort für sein Kunstprojekt ausgesucht und im Verein Historischer Bahnhof Hangelsberg einen wohlgesonnenen Partner gefunden. Solcherart verlassene Orte liefern einen unerschöpflichen Nährboden für künstlerischen Ausdruck, sind eine fantastische Spielwiese für Kreativität, endloser Raum für Illusionen. Liebhaber experimenteller Kunst werden ihre wahre Freude beim Besuch der Ausstellung haben, die sich mit einem Parcours durch das alte Backsteingebäude verbindet. Wer die Einladung annimmt, wird bei einem Rundgang von Überraschung zu Überraschung ziehen. Keines der Werke ist vorhersehbar.

„Im 35. Jahr ihres Vereins-Bestehens reagieren 21 Künstlerinnen auf den verlassenen, eher unwirtlichen Ort, machen ihn attraktiv und bringen ihn ins öffentliche Bewusstsein zurück: mit Bildern, Filmen, Installationen, Interventionen, Interaktionen, Performances. Sie lassen sich inspirieren von vorbeidonnernden Zügen, von Fach- und Mauerwerk, schrägen Wänden, schiefen Dächern, skurrilen Einbauten, abblätternden Farben, verblichenen Schriften, von Zeichen aus Geschichte und Gegenwart; und von aktuellen Fragen: Was ist Bewegung, was bedeutet Mobilität“, heißt es in der Ankündigung.
Ausstellung zur Sommerwerkstatt
Das Ergebnis der Sommerwerksatt 2026 wird in der Ausstellung „Rasender Stillstand“ der Öffentlichkeit präsentiert. Ein erster Blick wird am Samstag, den 27. Juni, in der Zeit von 14 bis 18 Uhr gewährt. (Anke Beißer)
Danach gelten folgende Öffnungszeiten:
28. Juni, 4./5. Juli sowie 11./12. Juli jeweils von 12 bis 18 Uhr.


