
Am letzten November-Sonntag, in diesem Jahr der erste Advent, wird sich Hannelore Pfennig, so wie seit fast 70 Jahren, an die Orgel in der Kirche „Zum guten Hirten“ setzen. Wenn die 92-Jährige die Königin der Instrumente an dem Nachmittag erklingen lässt, wird aber etwas anders sein. Denn das gute Stück ist repariert und vom Staub der zurückliegenden vier Jahrzehnte befreit. Die Orgel wird also klingen wie neu. Und das hat sie einer wahren Sisyphus-Arbeit zu verdanken.
Viele Defekte verlangten nach Reparatur
Vor einem Jahr wandte sich Patrick Holschuh, Pfarrer der evangelischen Gemeinde von Grünheide, an die Öffentlichkeit und bat um Spenden für die Sanierung des im Jahr 1959 von der Potsdamer Firma Schuke erbauten Tasteninstrumentes. Bei einer Durchsicht war zu Tage getreten, was dessen musikalische Klangvielfalt störte. Das Problem: Die Windversorgung zeigte sich instabil, der Orgelmotor musste mehr leisten, was die Gefahr mit sich brachte, heiß zu laufen. Die Traktur arbeitete ungenau, die Register schalteten nur noch unzuverlässig zu. Zudem war das Werk verstimmt. Alles in allem ein trauriges Zeugnis. Veranschlagt wurden die Kosten für die notwendigsten Reparatur-Handgriffe durch eine Fachfirma damals auf knapp 33.000 Euro.
„Hoffentlich findet alles wieder ihren Platz!“
Mittlerweile sind die Arbeiten über die Bühne gegangen. Und es traten, wie nicht anders zu erwarten, wenn man in ein nicht mehr ganz so neues Gerät schaut, einige weitere Überraschungen zutage. Die waren ganz unterschiedlicher Art. Pfarrer Holschuh hätte zum Beispiel nicht gedacht, welches Bild sich ihm bieten würde, wenn das Instrument in seine Einzelteile zerlegt ist. Eigentlich soll es alle 30 Jahre gereinigt werden. Das wurde wegen der notwendigen Reparatur gleich mit erledigt, immerhin waren dann doch schon 40 Jahre nach der letzten Säuberung vergangen.

Der Ausbau sorgte für ein überwältigendes Bild in der Kirche: In den Ecken, verteilt auf dem Gestühl – überall Pfeifen. Wenige Zentimeter große bis hin zu einer ganzen Banklänge. Dem Betrachter schoss bei dem Anblick sofort durch den Kopf: „Was für ein Puzzle, hoffentlich kommt da nichts durcheinander, findet alles wieder ihren Platz!“ Die Befürchtung war natürlich unnötig, schließlich waren mit den Orgelbauern Erik Erler und Jonas Baaske zwei Profis von der Firma Alexander Schuke aus Werder (Havel) am Werk. Alles hatte sein System, so dass die geschätzt 1200 Pfeifen (sie wurden tatsächlich nicht gezählt) – teils aus Metall, teils aus Holz – den richtigen Weg zurück in den Klangkörper fanden.
Spender füllen spontan zusätzliche Lücken
Eher unerfreulich wegen der zusätzlichen Kosten war, dass sich die Dichtungen an den hölzernen Halterungen für die Pfeifen als marode erwiesen und ausgetauscht werden mussten. „Das bedeutete noch einmal gut 2000 Euro obendrauf“, sagt der Pfarrer. Hier habe eine ehemalige Grünheiderin finanziell ausgeholfen, die der Kirche sehr verbunden sei. Und dann war da noch der bisherige Zustand am Spieltisch. Eine wackelige Stehlampe sorgte hier für eher notdürftiges Licht. „Jetzt sind die Pedale indirekt beleuchtet und auch ein dezent wirkendes Oberlicht installiert“, verweist Holschuh auf eine Neuerung für die Fuß- und Handarbeit der Organisten. Auch diese konnten dank einer Spende abgedeckt werden. Und da der Orgelschrank einmal ausgeräumt war, hat ein Elektriker im Inneren ebenfalls zwei Leuchten angebracht für künftig notwendige Arbeiten – dann im Hellen.

Zudem gab es zwei Entdeckungen, die alle Beteiligten ins Staunen versetzten: Zum einen war anfangs unklar, wo überhaupt der Zugang in die Orgel möglich ist. Zumal die Handwerker bemerkten, nie ein Instrument gesehen und repariert zu haben, die im Inneren so wenig Platz bietet. Alle Wege schienen verbaut und somit versperrt. Bis auf einem Plastikrohr ein Klebstreifen auffielt. Er trug die Aufschrift: „Kann man rausnehmen!“ Und tatsächlich eröffnete sich so ein schmaler Schacht nach oben.

Das wirklich absolut Unerwartete aber lag in der defekten Windlade selbst, die ja letztlich den Anstoß zum Einsatz der Orgelbauer gegeben hatte. Entdeckt wurden in ihr, in Packpaper eingewickelt, Zeugnisse und somit Grüße aus der Vergangenheit. „Sowas ist eher untypisch“, sagt Jonas Baaske, der schon viele Kirchenorgeln von innen gesehen hat. Beim Einbau 1959 und bei der ersten und bis dato einzigen Reinigung 1988 hatte der jeweilige Pfarrer ein Zitat notiert und Zeitungen beigelegt. So ergab sich dank Erin Knuth (Grünheider Pfarrer von 1939 bis 1960) kurzzeitig die Gelegenheit, in Ausgaben der „Neuen Zeit“ (zu DDR-Zeiten Zentralorgan der CDU) zu blättern. Pfarrer Frank Taube (1985 bis 2004 in Grünheide tätig) hatte knapp 30 Jahre später eine Ausgabe des „Neuen Deutschland“ (Zentralorgan der SED) sowie eine Kirchenzeitung beigelegt. Patrick Holschuh nahm den Spielball gerne auf und ergänzte das Paket nun seinerseits mit einer Ausgabe der „Märkischen Oderzeitung“, der Zeitung „Die Kirche“ sowie dem aktuellen Gemeindebrief. So komplettiert, wanderte die Zeitkapsel zurück in ihr Versteck und schlummert dort, bis sie in vielleicht 30 oder 40 Jahren wieder entdeckt wird.

Für Pfarrer Holschuh geht mit der rund vierwöchigen Sanierung eine erlebnisreiche Reise zu Ende. „Es war sehr spannend, das Instrument so zerlegt und den Orgelbauern bei ihrer Arbeit zuzusehen.“ Er beziffert die Kosten aktuell auf 38.500 Euro. „Weitere Spenden sind also willkommen.“ Jetzt freut er sich auf die ersten Töne, die Hannelore Pfennig der geputzten Königin am 29. November, ab 14 Uhr, entlocken wird. Wer das am ersten Advent verpasst, hat eine Woche später gleich noch einmal Gelegenheit. Für den 6. Dezember (2. Advent) steht ein Konzert des Kirchchores im Kalender, bei dem Rico Harrig an der Orgel sitzt. (Anke Beißer)
Wer für die Orgel spenden will, kann das auf folgenden Weg tun:
Spendenkonto:
Ev. Kirchenkreis Oderland-Spree
IBAN: DE40 3506 0190 1599 7772 17
Stichwort: Orgel Grünheide
