Michael Sturm spricht in der „Guten Stube“ – ein „Heimkind der Nazis“

Familiengeschichte kann sehr aufwühlend sein. Wer seine Wurzeln nicht kennt, sich auf ihre Suche begibt, macht zuweilen Entdeckungen, die erdrückend sind, gar Entsetzen hervorrufen. So jedenfalls erging es dem Grünheider Michael Sturm, Jahrgang 1941. Was er ans Tageslicht holte, ist nichts, worauf es sich stolz sein lässt. So mancher hätte die Erkenntnisse wohl lieber im Verborgenen gelassen. Der 84-Jährige aber wählte einen anderen Weg. „Es wurde lang genug geschwiegen und gelogen in meiner Familie.“

Lange an heldenhaften Vater geglaubt

Michael Sturm ist ein „Lebensborn“-Kind, geboren in eine den Nazis treue Familie hinein, mit einem Vater höchsten Offiziersranges und ohne Kontakt zu ihm. „Er wurde mir als Held dargestellt, als einer, der am Hitler-Attentat beteiligt war und dabei ums Leben kam.“ Und seine Mutter? An sie fehlten die Erinnerungen aus frühen Kindheitstagen.

Vortrag am 20. Mai in Spreewerder

Mit seiner Lebensgeschichte ist Sturm am 20. Mai, ab 14.30 Uhr, zu Gast in der „Guten Stube“ im Bürgerhaus Spreewerder. Kümmerin Kerstin Wasmuth hat ihn eingeladen und um seinen Zeitzeugenbericht „Heimkind der Nazis“ gebeten. „Mit eindrücklichen Erinnerungen und persönlichen Einblicken schildert er seine Erfahrungen als Lebensborn-Kind der Nationalsozialisten und gibt einen seltenen, authentischen Zugang zu einem Kapitel deutscher Geschichte, das bis heute nachwirkt. Die Veranstaltung bietet Raum zum Zuhören, Nachdenken und für einen respektvollen Austausch im Anschluss“, schreibt sie in ihrer Ankündigung.

„Wegschauen, Leugnen, Schweigen ist der falsche Weg.“

Die Vergangenheit wie ein Puzzle zusammenzusetzen war ein schwieriger und zugleich belastender Weg. Denn immer, wenn Michael Sturm dachte, schlimmer könne es nicht kommen, deckte er eine neue Gräueltat auf, wurde die Distanz zu den Eltern größer. Über seine Herkunft legte sich Verachtung. Davon will der Grünheider erzählen. Auch wenn es für ihn verstörend ist: „Wegschauen, Leugnen, Schweigen ist der falsche Weg.“

2008 begann die Suche 

Sein Bericht wird damit beginnen, dass er erst 2008, nach dem Tod der Mutter, durch seinen Sohn darauf gebracht wurde, Licht in die eigene Geschichte zu bringen. „Irgendwas stimmt mit der Familie nicht“, stachelte er den Vater an.  Das Schweigen, die Ausflüchte, Ungereimtheiten – es lag ein Schatten über all den Jahren. Und Fragen waren zu Lebzeiten von Mutter und Großmutter nicht erwünscht.

 

Babyfotos von Michael Sturm: Der Grünheider ist in Bad Polzin geboren und hat die ersten Jahre seiner Kindheit dort in einem Lebensborn-Heim verbracht. Foto: Anke Beißer
Babyfotos von Michael Sturm: Der Grünheider ist in Bad Polzin geboren und hat die ersten Jahre seiner Kindheit dort in einem Lebensborn-Heim verbracht. Foto: Anke Beißer

Nach ersten Recherchen wusste Michael Sturm, warum: Er wurde am 17. Dezember 1941 in Bad Polzin (Westpommern) geboren und ist unter den Fittichen des Lebensborn e.V. – ein laut Wikipedia „1935 von Heinrich Himmler gegründeter, SS-gestützter Verein zur Förderung der nationalsozialistischen Rassenhygiene“ – erst in dem dortigen Heim, später in einer Dependance in Kohren-Sahlis (heute Landkreis Leipzig) aufgewachsen. Eine Geburtsurkunde gibt es nicht. Offenbar zur Adoption vorgesehen, aber nicht adoptiert, verbrachte er dort seine jüngste Kindheit. Nach dem Niedergang des Nationalsozialismus kam Sturm zur Großmutter nach Grünheide, wo er 1948 wieder mit seiner Mutter vereint war. „Ich hatte keine Erinnerung an sie vor dieser Zeit. Was ich immer merkwürdig fand.“

Mit jedem Steinchen wurden die  Abgründe größer

Als er schließlich wusste, wie sein Vater wirklich hieß, nämlich Heinz Eugen Friedrich Langmann, taten sich mit jedem Steinchen, das er umdrehte, Abgründe auf. Das Entsetzen hielt ihn aber nicht auf, sondern ließ ihn immer tiefer in die Recherchen einsteigen. Michael Sturm kontaktierte Archive, lernte Historiker kennen und Menschen, die sein Schicksal teilten. Er fand so Zugang zu einem wertvollen Netzwerk, das ihm wiederum national wie international zu neuen Erkenntnissen verhalf. „Mein Vater war kein Held, kein Opfer, wie ihn meine Mutter mir gegenüber dargestellt hat. Er war ein Täter, ein hochrangiger deutscher Offizier, Oberst im Generalstab der Wehrmacht. Er gehörte zur Führungs-Elite, nicht in erster, aber in zweiter Reihe. Es gelang ihm dank der Hilfe Untergebener, 1945 als einfacher Soldat aus der Kriegsgefangenschaft entlassen zu werden, wodurch er sich jeglicher Verantwortung entzog. Bis er 1979 in Visbek bei Vechta starb.“

Schlichtweg ehrlich

Michael Sturm hat sich seiner Vergangenheit gestellt – auch wenn diese schmerzlich ist. Er macht sie öffentlich. Als Zeitzeuge in Publikationen, in Fernseh-Dokumentationen und in Vorträgen, wie jetzt in Spreewerder. Er ist schlichtweg ehrlich. (Anke Beißer)

Eine Dokumentation zum Thema Lebensborn gibt es hier in der ZDF-Mediathek.
Zudem ist das Buch „Lebenslang Lebensborn – Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde“ von Dorothee Schmitz-Köster und Tristan Vankann bei Piper erschienen. Michael Sturms Geschichte ist Teil der Aufzeichnungen.