Kleine Kunststücke erzählen Heimatgeschichte – mit viel Liebe zum Detail

„Das Dach kann man sogar abnehmen und hineinschauen“, präsentiert Claudia Schulz mit stolzer Stimme ihr neuestes Modell in der Heimatstube von Grünheide (Robert-Havemann-Klubhaus, obere Etage): einen doppelwandig gemauerten Teerschwelofen mit angrenzendem Schuppen zum Teer-Abfüllen, 26 Zentimeter hoch und mit einem Durchmesser von 18 Zentimetern. Sie hebt das Kuppeldach an und schon kommt das sonst im Inneren verborgen Liegende zum Vorschein.

Typisches Handwerk ab Mitte des 17. Jahrhunderts

Das Exponat veranschaulicht, wie Mitte des 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts in Grünheide, Sieverslake, Mönchwinkel und Hangelsberg aus harzreichem Kiefernholz Teer hergestellt wurde, der zu dieser Zeit ein beliebter Werk- und Baustoff war. Dabei war das Prinzip simpel und ausgeklügelt zugleich. Die Öfen wurden an Hängen in der Nähe zu einem Gewässer gebaut. Die Lage ermöglichte den leichteren Zugang zum Ofen, um ihn von oben mit Holz befüllen zu können, und vereinfachte das Abfließen des Teeres (dank des natürlichen Gefälles) in erwähntes Nebengelass. Hier wurde er in Fässer verladen. Zudem bot der Hang Windschatten, was ein gleichmäßiges Feuer unterstützte. Die Wassernähe wiederum bot zwei Effekte: Es eröffnete sich ein kurzer Weg sowohl für den Abtransport der Fässer als auch die Belieferung mit den notwendigen Stubben, kienhaltigem (harzreichem) Holz und Brennholz fürs Befeuern. Zudem spielte die Sicherheit eine Rolle, denn von den Öfen ging eine nicht zu unterschätzende Brandgefahr aus.

Wissen, was dahinter steckt

Claudia Schulz weiß viel über das Teerschwelen und die Funktionsweise des Ofens. Denn wenn sie sich einem Projekt widmet, dann will sie nicht nur die Fassade liefern, sondern verstehen, was dahintersteckt und erklären, was es mit dem Objekt auf sich hat. Dabei befasst sie sich in punkto Wissen ebenso mit Details wie beim Bauen ihrer Modell selbst.

Das erste Modell: der Marksprudel von Altbuchhorst am Ufer des Möllensees - eine 1906 entdeckte und 1937 wieder versiegte Heilquelle, die einst von einer Kuranlage mit Brunnen, Trinkhalle und Wandelgängen umstanden war. Foto: Anke Beißer
Hiermit fing 2011 alles an – das erste Modell: der Marksprudel von Altbuchhorst am Ufer des Möllensees – eine 1906 entdeckte und 1937 wieder versiegte Heilquelle, die einst von einer Kuranlage mit Brunnen, Trinkhalle und Wandelgängen umstanden war. Foto: Anke Beißer

Der Ofen ist das bereist das zehnte Objekt, das unter ihren geschickten Händen und mit großem Anspruch an die Authentizität entstanden ist. Dabei hatte die gelernte Gartenbaufachfrau und als Haushälterin tätige Berlinerin eigentlich so gar nichts mit Modellbau zu tun. Angefangen hatte alles 2011 mit dem Marksprudel am Möllensee und der einstigen Touristenstation. „Ich bin in Altbuchhorst aufgewachsen und habe festgestellt, dass seit der Wende so viel verschwunden ist, was zur Ortsgeschichte gehört. Das wollte ich bewahren. Da hängen ja viele Erinnerungen dran“, sagt die heute 63-Jährige. Mit ihrer Mutter Christel Schulz (heute 85) ist sie damals über das Gelände gegangen, hat versucht den Grundriss zu erfassen, was sich wo befand. Ihr Mann wiederum hat alles maßstabgerecht aufgearbeitet und so ist der Plan für das erste Projekt entstanden.

Modell 8: Die Kurfürst-Joachim-Straße um 1910 (heute Walter-Rathenau-Straße) Foto: Anke Beißer
Modell 8: Die Kurfürst-Joachim-Straße um 1910 (heute Walter-Rathenau-Straße) Foto: Anke Beißer

Über die Jahre kamen neun weitere hinzu. Solche, die einfach die Vergangenheit bewahren, wie das Haus in der Charlottenstraße 8, in dem sie aufgewachsen ist und das einst schmückende Holzanbauten trug, die inzwischen durch Mauerwerk ersetzt wurden. Solche, die die (noch) Gegenwart bewahren, wie der historische Bahnhof von Fangschleuse sowie (als Auftragswerk) das Bootshaus am Peetzsee in der Karl-Marx-Straße 15. Solche, die historische Relevanz haben, wie die Fangschleuse sowie die einstige Hundeschule, heute Standort des Löcknitzcampus. Und solche, die lokalen Bezug haben und vor allem lehrreich sind, wie ein strohgedecktes Lehmhaus, das unterschiedliche Bauweisen für Fachwerk zeigt, und eben jener Teerschwelofen.

Modell 7: Ein Fachwerkhaus zeigt unterschiedliche Bauarten. Foto: Anke Beißer
Modell 7: Ein Fachwerkhaus zeigt unterschiedliche Bauarten. Foto: Anke Beißer
Modell 5: Der Bahnhof Fangschleuse Foto: Anke Beißer
Modell 5: Der Bahnhof Fangschleuse Foto: Anke Beißer

Letzterer hat Claudia Schulz drei Jahre beschäftigt. „Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis mir die zündende Idee kam, wie sich der Baukörper formen lässt“, erinnert sich die engagierte Frau, die seit kurzem mehr als nur Mitglied im Heimatverein (seit 2006) ist und im Vorstand als zweite Stellvertreterin Verantwortung übernommen hat. Erst wollte sie selber kleine Ziegel anfertigen und den Ofen quasi originalgetreu in klein nachbauen. „Er wäre aber vom Gewicht her zu schwer und auch zu teuer geworden.“ Für die Wände Rohre zu nutzen, hätte nicht der konischen Bauweise entsprochen. „Dann habe ich mich auf dem Baumarkt umgeschaut und bin auf Blumentöpfe aus Plastik gestoßen.“ Die ließen sich aufschneiden, mit den Luken versehen und mit Klinker-Tapete bekleben. Bei einigen ihrer Elemente, wie der Tapete, wird sie beim Modelleisenbahnbau fündig. Dazu gehören die Böden, die Bäume und manche Accessoires auf ihren Grundplatten. Die Aufbauten allerdings fertigt sie ausnahmslos selbst. Sogar die Schwäne, die sich in Miniatur auf mehreren Objekten entdecken lassen, hat sie aus Knete geformt und bemalt. „Bei manchen Dingen, wie den Böden, hilft mir meine Mutti, aber das meiste mache ich ganz alleine.“ Für Claudia Schulz ist das Entspannung pur.

Modell 9: Das Bootshaus in der Karl-Marx-Straße 15 Foto: Anke Beißer
Modell 9: Das Bootshaus in der Karl-Marx-Straße 15 Foto: Anke Beißer

Dem Heimatverein hat das besondere Hobby der Berlinerin, die durch ihre Mutter nach wie vor eng mit Grünheide verbunden ist, wahre Schätze beschert. Wer noch nicht in der Heimstube war, sollte sich durchaus einmal Zeit für einen Besuch nehmen. Der kleine Exkurs in die Ortgeschichte lohnt allemal, und die Meisterwerke von Claudia Schulz liefern einen zusätzlichen Grund.

Aber hat sie denn schon wieder neue Pläne? Erstmal nicht, sagt die 63-Jährige, allerdings nach einigem Nachdenken. Vielleicht keimt da ja doch schon die nächste Idee. (Anke Beißer)

Folgende Modell zeigt der Heimatverein Grünheide in der Heimatstube (Obergeschoss im Robert-Havemann-Klubhaus):
2011 (Entstehungsjahr) – Der Marksprudel am Möllensee (Maßstab 1:100)
2012 – Die erste Ansiedlungen in Grünheide von 1662 – 1784
2013 – Die Fangschleuse (1:100)
2014 – Polizeischule für Hundewesen (1:100)
2015 – Bahnhof Fangschleuse (1:100)
2016 – Haus Charlottenstraße um 1985 (1:30)  – Dauerleihgabe Claudia Schulz
2017  – Fachwerkhaus (1:30)
2018 – Kurfürst-Joachim-Straße um 1910 – heute Walther-Rathenau-Straße (1:200
2019 – Bootshaus am Peetzsee – Karl-Marx-Straße 15  (1:100) – Dauerleihgabe vom Wassersportverein IG Bootshaus am Peetzsee e.V.
2026 – Doppelkammer Teerschwelofen (1:40)